Lass Amor schießen wann er will
Ein
Travestie-Programm
Mit Gedichten von Julie Schrader
Eine Produktion der Schaubühne Menden 1995
Lass Amor schieße, wann er will .... war eine sehr erfolgreiche Produktion der Mendener Schaubühne.
Jede Vorstellung war bis auf den letzten Platz ausverkauft - ach was sag ich - manche Leute haben
sogar gestanden, um dabei zu sein.
Aufgrund dieses Erfolges wurde die Spielzeit auch 3 mal Verlängert
Im Folgenden werde ich etwas zum Programm, den Aufführungen erzählen und einen Blick
hinter die Kulissen gewähren...
Angefangen hat alles damit, das mein damaliger Intendant mich ansprach an einer Travestie mitzuwirken.
Das Grobkonzept stand - es sollte ein Stück für die Lesebühne werden, wo Gedichte von Julie Schrader
von Männern in Frauenkleidern vorgelesen werden sollten.
Dieses Stück sollte das Einweihungsprogramm der Lesebühne werden und in den Räumen einer
ehemaligen Spielhalle aufgeführt werden.

Titelbild des Kulturtelegraphen 1995
von links : Thomas , Andreas und ich
Der Aufführungsort war in einem katastrophalen Zustand und wir waren erst einmal dazu angehalten aus dem Chaos einen Spielort
zu zaubern. Mehrere Stunden, Tage und Wochen verbrachten wir damit Müll zu beseitigen, zu putzen, eine Bühne zu zimmern, Vorhänge
zu nähen, Schaufenster zu dekorieren, eine Außenreklame zu entwerfen und unsere Garderoben einzurichten.

Szenen Foto
links der Pianist Thomas - ich auf seinem Schoß
Nachdem wir aus dieser verkommenen Spielhalle endlich eine Luxus Brausebude geklöppelt hatten, konnten die Proben beginnen.
Wir machten die ersten Leseproben und schon bald merkten wir - das kann es nicht sein, mit Zetteln auf der Bühne zu sitzen - wir lernen
die Texte auswendig - unser Intendant und die Regie war einverstanden.
Nach einigen Proben stellten wir fest, das kann es auch nicht sein - wir wollen das ganze inszenieren und nicht nur auf Barhockern sitzen.
Auch das wurde abgenickt.

Szenen Foto
Ich als Polnische Prostituierte
Schließlich entwickelte sich aus dem ursprünglichen Lesebühnen Stück von 45 Minuten ein eineinhalbstündiges Bühnenprogramm
mit Operettenliedern und den Gedichten von Julie Schrader .

Szenen Foto
Andreas und ich singen
Hinter den Kulissen : Um von Mann zur Frau zu werden gehört schon einiges an Arbeit - So begann es damit, das ich mit Schuhgröße 46
lernen musste auf Pumps zu gehen und zu stehen - damit war's ja noch nicht getan - es sollte ja auch noch weiblich und sexy aussehen.
Wenn ich heute so zurückdenke, könnte ich mich wegschmeißen - wie tollpatschig und unbeholfen ich gelaufen bin - wie oft ich
umknickte und mir die Gräten weh taten. An dieser Stelle eine Hochachtung an alle Frauen, die darin Laufen - und ich breche eine
Lanze für alle die es nicht tun wollen - lasst euch von eurem Kerl dazu nicht nötigen, nur weil der das geil findet !
Die gesamte Produktion hatte schon etwas skurriles - es fing schon mit den Räumlichkeiten an, die ich ja anfangs erwähnte.
Diese umgebaute Spielhalle war im laufe der Zeit sehr Kitschig von uns eingerichtet worden und so sah es nicht aus wie ein Theater,
sondern eher wie ein drittklassiger Puff mit Rotlicht im Schaufenster , schwarzen Vorhängen und einem riesigen Schild im Las Vegas Stiel
mit der Aufschrift "Le Frivoli" Dieses Schild bestand aus hunderten von kleinen Weihnachtsglühbirnen - herrlich.
Drinnen angekommen war als erstes die Garderobe für die Zuschauer - der gesamte Raum war mit blauem Stoff ausgekleidet, und darunter
waren ebenfalls hunderte - ach wat sach ich - tausende von diesen Glühbirnchen, die wie ein Sternenhimmel darunter funkelten.
Der Aufführungsraum war ebenfalls fast komplett mit Stoff ausgekleidet, so das man sich vorkam, als säße man im innern einer
Schmuckschartulle :-)
Die Bühne war verschlossen mit einem rotem Vorhangsstoff, auf dem ebenfalls "Le Frivoli" zu lesen war.
Rund um der Bühne war ebenfalls eine weiße Lichterkette und zwischen jedem Lämpchen steckte eine rote Plastikrose
Die Bühne selber war eigentlich sehr einfach gehalten - 60er Jahre Teppiche auf dem Boden, ein Klavier rechts im Vordergrund ,
darauf eine trutschige alte Wohnzimmerlampe , rechts in der Ecke ein roter Barhocker mit Lehne und mittig an der Wand ein
riesiges rotes Herz.

Szenen Foto - Heilige Vakanz
Rechts hinter dem Klavier war der Bühnen Aufgang - und die steile Treppe nach oben führte zu unseren Garderoben.
Unsere Garderoben waren eh der Hammer für sich - jeder / jede hatte eine eigene Garderobe
( wir waren 3 "Frauen" 1 Pianist , 1 Moderator und eine echte Frau, die Männerrollen spielte )
Natürlich hatte jeder von denen die Frauenrollen spielten , sprich wir vier - seine eigene Maskenbildnerin und seine eigene Ankleiderin, die
uns in die Kostüme half.

Szenen Foto
Es war immer irre vor den Aufführungen - wir Künstlerinnen saßen in der Maske - nur mit ausgestopften BH und Strumpfhose bekleidet,
in der einen Hand ne Zigarette in der anderen ein Glas Asti Cinzano - währen jemand in deinem Gesicht rum malte.
Es war der Hammer - vor jeder Aufführung hatte ich schon mindestens eine Flasche Asti intus ;-)
Unbeschreiblich war immer der Moment, wenn man das erste mal in den Spiegel schaute - eben ( vor einer Stunde ) noch ein Mann
und jetzt auf einmal eine Frau.
Dann schnell ins erste Kostüm - dutt auf ( Perücke ), Ohrringe an die Öhrchen und schnell noch Fingernägel ankleben und in die
Pumps schlüpfen.
Andreas, Thomas und ich - die frischgebackenen "Mädels" kontrollierten uns dann gegenseitig - ob die Titten richtig sitzen
und ob auch die Mummu richtig sitzt ( Pippimann nach hinten zwischen die Beine geklemmt ).
Wenig später standen wir immer am Fenster und beobachteten von oben, wie die Menschen in Strömen auf unser Theater zu
steuerten und der Pianist schon langsam auf seinen Platz ging um die Show zu Starten.
Noch einmal Lippen nachziehen, Brust hoch - Bauch rein und die Treppe runter - The Show can beginn ......

Zeitungsausschnitt
Heute denke ich sehr gerne an diese Zeit zurück - es war das witzigste und schrillste, was ich je auf einer Bühne gemacht habe
und werde wohl nie diese irre witzigen 25 Aufführungen sowie den Klatsch und Tratsch hinter den Kulissen vergessen.
Danke für die Zeit - an alle Beteiligten !
Hier Noch ein Gedicht aus dem Stück :
Ich werde immerdar die Stunde segnen,
Da ich Dich sah, zum ersten mal Dich sah,
Da mir geschah, als sollt auch mir
einmal das Glück begegnen.
Ich werde immerdar der Stunde trauern,
Da mir der Traum, der kurze Traum zerriss.
Doch sei gewiss, das meine Liebe Dir wird ewig dauern.
Nur darfst du nie mehr, nie mehr, nie mehr suchen
mit Blicken, weichen Blicken mein Gesicht,
Bloß Mitleid nicht ! -
Ich müsste dieser Stunde fluchen, fluchen, fluchen.
Das ich ertrüge, darfst du nie vermuten,
Das Auferstehen begrabenen Begehrs.
Die Stunde wär´s,
Das ich zur Wüste fleucht, um zu verbluten.
